Buchpräsentation II: Die Haare des Kaiman: Kuba - Nahaufnahmen einer desillusionierten Gesellschaft

Manfred Krenn präsentiert sein Buch "Die Haare des Kaiman: Kuba - Nahaufnahmen einer desillusionierten Gesellschaft", welches im Mai 2019 im Verlag Sonderzahl erschienen ist und ein differenziertes Bild der heutigen kubanischen Gesellschaft zeichnet.

Auch sechzig Jahre nach ihrem Triumph können sich zahlreiche Menschen der romantischen Faszination, die von der kubanischen Revolution und ihren Führungspersönlichkeiten (allen voran Fidel Castro und Che Guevara) ausgegangen ist, kaum entziehen. Dazu kommt, dass forcierte Globalisierung und die alles durchdringende Dominanz neoliberaler Vermarktlichung und Beschleunigung auch in den Zentren des globalen Nordens Sehnsüchte nach anderen gesellschaftlichen Welten neu entfacht haben. Kuba bildet da als eines der letzten Territorien, das der ungezügelten Globalisierung des Weltmarktes noch weitgehend entzogen ist, einen besonders attraktiven Anziehungspunkt.
Auch wenn Inseln schon immer ideale Projektionsflächen für Utopien waren, so widerstehen die Haare des Kaiman der Versuchung einer solchen Romantisierung. Es handelt sich vielmehr um widerborstige, kleinodische Fundstücke, in denen sich aber mosaikhaft die Realitäten und Strukturen einer ganzen Gesellschaft spiegeln. Gesammelt hat sie der Soziologe Manfred Krenn im Rahmen eines fünfzehnmonatigen Aufenthalts auf der Insel. Aus diesem schillernden Mosaik schält sich nach und nach das Bild einer nach unzähligen politischen und ökonomischen Experimenten und vor allem nach 30 Jahren ökonomischer Krise mental erschöpften und weitgehend desillusionierten Gesellschaft. Die Texte folgen dem Verständnis Pierre Bourdieus, dass gerade die Zerstörung der illusio die Hauptaufgabe eines kritisch-verstehenden soziologischen Blicks darstellt.
Die Haare des Kaiman basiert auf intensiven Recherchen, Interviews und Alltagsbeobachtungen. Die eher analytisch angelegten Teile nehmen zentrale Probleme der kubanischen Gesellschaft in den Blick: Armut, Zivilgesellschaft, Alltagsrassismus, Schwarzmarkt, Massentourismus oder die Perspektiven der kubanischen Jugend. Einen Kontrast zu diesen analytischen Texten bilden die persönlichen Eindrücke, in denen kubanische Alltagswelten im Mittelpunkt stehen, die im Stile eines Tagebuchs gehalten sind.
Entstanden ist ein facettenreiches und sensibles, vor allem aber ein ungeschminktes Bild der heutigen kubanischen Gesellschaft – und der hauptsächlichen Herausforderungen, vor denen sie steht.

Manfred Krenn,
geboren 1960 in Mürzzuschlag, ist Soziologe und lebt in Wien. Studium der Soziologie und Publizistik, langjährige soziologische Forschungs- und Lehrtätigkeit, zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen. Er bereist Kuba regelmäßig seit 2006 und hat sich auf Basis langjähriger, intensiver Freundschaften eine intime Kenntnis der kubanischen Gesellschaft angeeignet, die in einem fünfzehnmonatigen Aufenthalt zwischen Oktober 2015 und Jänner 2017 vertieft wurde.
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